Ab Juni 2017 im Buchhandel: Neue Publikation zum Themenkreis der „Euthanasie“ PDF Drucken E-Mail

 

 

Ab Juni 2017 im Buchhandel: Neue Publikation zum Themenkreis der „Euthanasie“

Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit - Das Denkmal der Grauen Busse.

Verlag Psychiatrie und Geschichte, Zwiefalten 2017 / ISBN: 978-3-931200-25-1

 

 

 

 

 

 

 


 

Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit - Das Denkmal der Grauen Busse.

Verlag Psychiatrie und Geschichte, Zwiefalten 2017.

 

Neue Publikation zum Themenkreis der „Euthanasie“

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

wir möchten Sie auf eine neue Publikation über die Erinnerungskultur an die Opfer der sogenannten Euthanasie hinweisen. Ein zweifacher Anlass dieser Publikation ist hier zu nennen: Zum Einen ist eine vorausgehende und beachtete Publikation vergriffen (es handelt sich um die Publikation: Das Denkmal der Grauen Busse. Erinnerungskultur in Bewegung, hrsg. von ZfP Südwürttemberg, Stadt Ravensburg und Landschaftsverband Rheinland, erschienen in Zwiefalten 2012) Zum zweiten jährt sich zum 10. Mal die Übergabe des Denkmals der Grauen Busse an die Öffentlichkeit in Ravensburg. Das Mahnmal in Erinnerung an die Opfer der sog. »Euthanasie«-Aktion 1940/41 in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Weissenau wurde am 27. Januar 2007 der Öffentlichkeit übergeben. 

Die hier angekündigte Publikation umfasst neben der Dokumentation der Wanderung
dieses Mahnmals kritische Beiträge zur Erinnerungspolitik in Verbindung mit den nationalsozialistischen Verbrechen aus dem In- und Ausland.

 

Zunächst zum Anlass der Beschäftigung mit diesem Thema, dem genannten Denkmal:
Das Denkmal der Grauen Busse ist ein »zweigeteiltes Erinnerungszeichen« (Horst Hoheisel / Andreas Knitz); es besteht aus zwei identischen Nachbildungen jener Transportbusse der sogenannten »Gemeinnützigen Krankentransport GmbH« (GeKraT), mit denen die Patienten in den 1940 und 1941 in die Tötungsanstalten gebracht wurden. Je 75 Tonnen schwer, massiv und in der Mitte durchgeschnitten, mit der Inschrift: Wohin bringt ihr uns? Skulpturen aus Beton. Mit diesem Denkmal soll der Opfer gedacht werden; aber auch Tat und Täter werden durch die Form des Busses reflektiert. Während der eine Bus seitdem die Alte Pforte der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Weißenau blockiert, sollte der zweite, mobile Bus das Gedenken in die Region tragen. Dieser zweite Bus ist inzwischen mehr als sechstausend Kilometer bewegt worden; er hat gleichzeitig Bewegung in eine etwas erstarrte Überlieferung gebracht. Denn die Ermordung psychisch kranker und geistig behinderter Menschen in der Psychiatrie der NS-Zeit wird zum Teil bis heute nur verschämt angesprochen und zum Teil noch immer verschwiegen. Das Denkmal der Grauen Busse ist in den letzten Jahren hier zu einem ›ikonographischen Symbol‹ (Reinald Purmann) für die Opfer der sog. »Euthanasie«-Aktion geworden, zu einer Art Kernsymbol für die Erinnerungskultur an die »T4«-Aktion.

 

Die Beiträge dieser Publikation berühren drei Aspekte. Zum einen geht es darin um die historische und medizinhistorische Auseinandersetzung mit dem Thema Euthanasie, und zu dieser Geschichte gehört auch die verdrängte Nach-Geschichte, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen. Im Zentrum weiterer Beiträge steht die Frage, ob und wenn ja: welche künstlerischen Antworten gefunden werden können, um der Opfer von Gewalt und Terror zu gedenken. Einen dritten Teil stellt die Dokumentation dar, an denen der mobile Bus mittlerweile temporär gewesen ist.

 

Als »unruhiges und unfertiges Denkmal« charakterisiert Aleida Assmann das Denkmal der Grauen Busse; indem sie die Gestalt, Performanz und Rezeption dieses ungewöhnlichen Kunstwerks beschreibt, ordnet sie es gleichzeitig in die Geschichte und Funktion von Denkmälern im 20. und 21. Jahrhundert ein.

Ein anderes, aber nicht realisiertes Werk von Horst Hoheisel und Andreas Knitz steht im Mittelpunkt des Beitrags von Stefanie Endlich: Indem sie die »Herausforderungen eines schwierigen Ortes«, nämlich der Villa Tiergartenstraße 4, untersucht, lotet sie die Qualitäten aus, welche der Wettbewerbsentwurf von Horst Hoheisel, Andreas Knitz und Christian Feustel beanspruchte, der indes für die nationale »Euthanasie«-Gedenkstätte in Berlin nicht realisiert wurde.

Auf weitere, insbesondere frühere Arbeiten von Horst Hoheisel lenkt James E. Young seinen Blick und erläutert so den Begriff des ›Gegen-Denkmals‹ (counter-monument).

 

Nicht Denkmäler, sondern literarische Vergegenwärtigungen des Holocaust sind Gegenstand des Beitrags von Franz Schwarzbauer; dabei konzentriert sich der Essay auf zwei Romane, die ganz unterschiedliche Formen der Erinnerung repräsentieren: auf den Roman Götz und Meyer von David Albahari sowie auf Dora Bruder von Patrick Modiano. Dies berührt auch den nachfolgenden Beitrag von Cesare Giacobazzi, der anhand des Theaterstücks T4. Ophelias Garten die Dimensionen des Unmenschlichen und der Gewalt aufzeigt.

Susanne Knittel widmet sich in ihrem Beitrag dem Thema des »Unheimlichen«, wobei sie den Begriff durchaus im Rückgriff auf Freud bestimmt; ihre Annäherung an den Tötungsort der „Euthanasie“ – Grafeneck – gerät auf überraschende Art und Weise autobiografisch.

In einem persönlichen Rückblick verbindet Michael von Cranach seine beruflichen Erfahrungen mit der schwierigen Nachkriegsgeschichte der Psychiatrie: »Psychiatriereform und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.« Dabei wird deutlich, wie die Aufarbeitung der verdrängten Vergangenheit erst die Voraussetzungen einer reformorientierten psychiatrischen Praxis geschaffen hat.

 

Wie sich die psychiatrische Klinik in Ravensburg-Weissenau (ZfP Südwürttemberg) bemüht, die eigene Geschichte der NS-Zeit aufzuarbeiten, schildern Thomas Müller und Paul-Otto Schmidt-Michel. Darauf hat das heutige ZfP Südwürttemberg mehrere Antworten gefunden: von der professionellen Forschung über die museale Darstellung bis zu vielfältigen Formen der Öffentlichkeitsarbeit.

 

Weiter zurück in die Vergangenheit führt der Beitrag von Paul-Otto Schmidt-Michel:
»Briefe von Angehöri­gen an die Opfer der Aktion T4«. Am Beispiel von 140 Frauen aus
der Anstalt Bedburg-Hau, die 1940 in die Anstalt Zwiefalten deportiert und später in Grafeneck ermordet wurden, untersucht er die konkreten historischen Begleitumstände,
unter denen die Aktion T4 geschah.

 

In einem weiteren Beitrag wendet sich Schmidt-Michel den Gasmorden in mobilen Bussen an Kranken durch die nationalsozialistischen Einsatzgruppen und die Wehrmacht im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ab 1941 zu.

 

In einem Nachwort beschreiben die Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz ihre Erfahrungen bei der Entwicklung, Aufstellung und zehnjährigen Reisebegleitung des Denkmals der Grauen Busse:

 

»Erinnerung ist ein Prozess. Sie schafft Bilder, vergisst Bilder, verändert sich ständig, ist immer in Bewegung. Wahrscheinlich wollen wir sie deshalb so gerne in unbewegliche, feststehende Monumente aus Stein und Bronze bannen und für die Ewigkeit dort fixieren«.

 

So notwendig solche ›ewigen Monumente‹ sind, um dem Gedenken eine feste Form zu geben, so sinnvoll scheint der andere, ergänzende Prozess, den das mobile Denkmal der Grauen Busse stets von neuem auslösen konnte.